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Aus der Praxis

Anatomie einer Störung: 7:40 Uhr, ein Psychologe fehlt

Wir haben nachvollzogen, was in den ersten neunzig Minuten nach einer Krankmeldung passiert — einmal mit Tabellen und Telefon, einmal mit einem System, das mitdenkt.

Morten Babakhani · Geschäftsführer

12. Mai 2026 · 4 Min. Lesezeit

Störungen im Assessment-Betrieb sind keine Ausnahme. Bei einem Haus mit mehreren hundert Verfahren im Jahr sind sie Alltag: Krankmeldungen, Zugausfälle, kurzfristige Absagen, ein Raum, der doppelt belegt ist.

Interessant ist nicht, dass sie passieren. Interessant ist, was in den ersten neunzig Minuten danach geschieht. Wir haben denselben Fall zweimal durchgespielt.


Variante A: Tabellen und Telefon

6:52 Uhr — SMS an die Koordinatorin: „Bin krank, kann heute nicht.“ Der Psychologe sollte fünf Einzelgespräche führen, 9:00 bis 15:30 Uhr.

7:15 Uhr — Die Koordinatorin liest die Nachricht auf dem Weg zur Arbeit. Sie weiß nicht, wer sonst qualifiziert ist. Die Übersicht dazu liegt auf dem Laufwerk, und sie ist nicht auf dem Handy.

7:40 Uhr — Im Büro. Sie öffnet die Verfügbarkeitstabelle. Stand: letzte Woche. Drei Namen kommen infrage. Ob alle drei für dieses Verfahren geschult sind, weiß sie bei einem nicht sicher.

7:48 Uhr — Erster Anruf. Mailbox.

7:55 Uhr — Zweiter Anruf. Die Kollegin hat heute selbst ein Verfahren an einem anderen Standort. Das stand nicht in der Tabelle.

8:10 Uhr — Dritter Anruf. Zeit hätte er, aber die Qualifikation ist unklar. Rückfrage bei der Leitung.

8:25 Uhr — Die Leitung ist in einer Besprechung. Die Koordinatorin schreibt eine Mail und wartet.

8:30 Uhr — Die ersten Kandidaten kommen an. Niemand kann ihnen sagen, ob ihr Gespräch heute stattfindet.

8:52 Uhr — Antwort der Leitung: Qualifikation vorhanden, aber nur für das Standardverfahren, nicht für die Führungsvariante. Zwei der fünf Gespräche fallen aus.

9:05 Uhr — Der Ersatz beginnt mit dem ersten Gespräch, ohne die Unterlagen vorher gesehen zu haben.

9:20 Uhr — Zwei Kandidaten werden gebeten, nach Hause zu fahren. Ein neuer Termin wird „in den nächsten Tagen“ zugeschickt.

Bis 11:00 Uhr — Die Koordinatorin schreibt Mails: an die zwei Kandidaten, an den Fachbereich, an die Beobachter, an die Buchhaltung wegen der Stornoregelung. Zwischendurch beantwortet sie Fragen im Raum.

Ergebnis: Zwei Kandidaten ohne Gespräch, ein Ersatz ohne Vorbereitung, ein halber Arbeitstag Koordination, ein Verfahren mit ungleichen Bedingungen. Rekonstruierbar ist der Ablauf später nur aus Kalendern und Postfächern.


Variante B: Ein System, das mitdenkt

6:52 Uhr — Der Psychologe meldet sich im Portal ab. Ein Klick, kein Anruf.

6:52 Uhr — Das System erkennt einen Vorfall: fünf Termine ohne Zuweisung, Betreuungsschlüssel unterschritten, Kategorie „kritisch“, weil der Termin heute ist. Die Koordinatorin und die Leitung erhalten eine Benachrichtigung.

6:53 Uhr — Zum Vorfall gehört ein Lösungsvorschlag. Er enthält nur Personen, die für diese Verfahrensvariante qualifiziert sind, heute nachweislich verfügbar sind und nicht an einem anderen Standort eingeplant sind. Zwei Namen, mit Auslastung der laufenden Woche.

7:15 Uhr — Die Koordinatorin liest das auf dem Handy. Sie wählt den ersten Vorschlag, prüft die vorbereiteten Benachrichtigungen und bestätigt.

7:16 Uhr — Der Ersatz erhält die Anfrage samt Kalendereinladung, die Unterlagen werden für ihn freigegeben. Die Kandidaten bekommen eine Bestätigung, dass ihr Termin stattfindet. Der Fachbereich sieht den aktualisierten Status.

7:34 Uhr — Der Ersatz nimmt an. Der Vorfall wird geschlossen. Alle fünf Gespräche finden statt.

8:30 Uhr — Die Kandidaten kommen an. Für sie hat es keine Störung gegeben.

Aufwand der Koordinatorin: einige Minuten, davon der größte Teil das Lesen der vorbereiteten Nachrichten. Der Vorgang ist mit Zeitstempeln dokumentiert.


Wo genau der Unterschied entsteht

Die zweite Variante ist nicht schneller, weil eine KI klüger ist. Sie ist schneller, weil vier Informationen an einem Ort stehen, die in Variante A an vier Orten liegen:

Wer ist qualifiziert? In einer Matrix am Verfahrenstyp, nicht in einer Übersicht auf dem Laufwerk.

Wer hat wirklich Zeit? Aus selbst gepflegten Verfügbarkeiten plus allen bestehenden Einplanungen — standortübergreifend.

Wer ist wie ausgelastet? Aus den Daten des Betriebs, damit nicht immer dieselben einspringen.

Wer muss informiert werden? Aus den Rollen am Verfahren, mit vorbereiteten Texten.

Fehlt eine dieser vier, entsteht Telefonarbeit. Fehlen zwei, wird es der halbe Tag.

Der unterschätzte Teil

Am wichtigsten ist nicht die Geschwindigkeit, sondern was nicht passiert: In Variante B gibt es keine Kandidaten, die vor verschlossener Tür stehen. Keine zwei Gespräche, die fünf Wochen später unter anderen Bedingungen nachgeholt werden. Keinen Ersatz, der unvorbereitet in ein Gespräch geht.

Das sind keine Effizienzfragen. Das sind Qualitätsfragen — und im Zweifel Fragen, die ein abgelehnter Bewerber stellt.

Und wenn niemand verfügbar ist?

Dann löst kein System das Problem. Auch in Variante B kann es passieren, dass keine qualifizierte Person Zeit hat.

Der Unterschied: Das steht um 6:53 Uhr fest, nicht um 8:52 Uhr. Zwei Stunden Vorlauf entscheiden darüber, ob Kandidaten noch rechtzeitig informiert werden können — oder ob sie umsonst anreisen.


Wie das Störungsmanagement in flynne funktioniert und welche 13 Vorfallstypen automatisch erkannt werden: Incident Center.

Morten Babakhani

Geschäftsführer, Brandmonks GmbH

Schreibt hier über Auswahlverfahren, Standards und die Praxis dahinter — aus der Arbeit an flynne und aus Projekten im Konzernumfeld.

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